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Blick in die Zukunft mit Dr. Kerstin Cuhls
08.12.2008

 

Kerstin Cuhls vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe gehört zu den Pionieren der deutschen Zukunftsforschung. In den 90er Jahren führte sie mit ihren Kollegen die ersten Delphi-Studien in Deutschland durch, die der ganzen Republik Orientierung boten. Wie unser Leben mit IT, Kommunikationstechnik und Medien in Zukunft aussehen wird, dieser Frage ging sie im Rahmen des Forschungsprojekts FAZIT in Zusammenarbeit mit der MFG Baden-Württemberg nach.

 

Zukunftsforscherin Dr. Kerstin Cuhls. Bild: Fraunhofer ISI
Frau Dr. Cuhls, können Sie die Zukunft vorhersehen?


Cuhls: Nein, das kann ich nicht. Aber wir Zukunftsforscher versuchen einzuschätzen, in welche Richtungen sich die Dinge möglicherweise entwickeln. In Forschung und Technologie, wo es zeitlich abgesteckte Projekte gibt, ist das relativ gut möglich. In anderen Bereichen ist das sehr schwer, zum Beispiel dort, wo es um gesellschaftliche Fragen geht.

Kann moderne Zukunftsforschung überhaupt mehr leisten als ein Orakel?

Cuhls: Ja, auf jeden Fall. Obwohl es auch Parallelen gibt. Das alte Orakel von Delphi hat sehr stark mit sich selbst erfüllenden und sich selbst zerstörenden Prophezeiungen gearbeitet und so Politik gemacht. Das machen wir manchmal auch, zum Beispiel indem wir aufzeigen, wohin es führen kann, wenn alle so weitermachen wie bisher. Ein typisches Beispiel dafür ist der Millennium-Bug, der ausblieb, weil doch noch rechtzeitig gegengesteuert wurde.

Die Orakelsprüche von Delphi wurden unter dem Einfluss berauschender Dämpfe formuliert. Welcher Methoden bedient sich die moderne Zukunftsforschung?

Cuhls: Es gibt viele verschiedene Ansätze. Häufig sprechen wir auch von einem Foresight-Prozess, weil mehrere Methoden kombiniert und nacheinander angewendet werden.

Eine Methode sind Szenarien, in denen wir die Zukunft zu einem Zeitpunkt „x“ beschreiben – entweder so, wie sie unter bestimmten Voraussetzungen aussehen wird oder auch normativ, so wie man sie gerne hätte. Dabei kombinieren wir nur solche Zukunftsfacetten miteinander, die wirklich gleichzeitig eintreten könnten. Oft werden auch mehrere, alternative Szenarien entwickelt, die jeweils in sich plausibel sind, damit wir uns auf verschiedene, denkbare Zukünfte vorbereiten können.

Eine andere Kategorie von Methoden baut auf soziologischen Verfahren und Befragungen auf. Hier beschreiben wir die Zukunft anhand vorherrschender Einschätzungen.

 

Methoden der Technikvorschau im Überblick. Bild: Cuhls/Fraunhofer ISI 2008
Zu dieser Kategorie gehört auch die Delphi-Methode, die Sie in Deutschland etabliert und weiterentwickelt haben. Können Sie mit wenigen Worten erklären, was eine Delphi-Studie ist?

Cuhls: Delphi-Studien sind Expertenbefragungen, die in zwei oder mehr Runden ablaufen. Dabei bewerten die Experten zuvor erarbeitete Zukunftsthesen. Vor allem werden sie gebeten einzuschätzen, bis wann bestimmte Thesen Wirklichkeit werden. Zusätzlich können auch andere Kriterien, wie die Wichtigkeit eines Themas, abgefragt werden.

Der Clou an Delphi ist das Feedback. Man schickt die Antworten aus der ersten Runde in aggregierter Form allen Befragten zu und lässt sie, unter dem Eindruck dessen, was die anderen gesagt haben, ein zweites Mal urteilen. Meistens entsteht dadurch ein eindeutigeres Ergebnis, ein stärkerer Konsens. Bei Themen, die sehr konträr diskutiert werden, kann aber auch der Dissens deutlicher hervortreten.

Welchen Beitrag können Sie als Zukunftsforscherin dazu leisten, die Welt von Morgen besser zu machen?

Cuhls: Eine wichtige Aufgabe der Zukunftsforschung ist, die richtigen Fragen zu stellen, um Probleme, die vor uns liegen zu identifizieren. Außerdem liefert die Zukunftsforschung entscheidende Grundlagen dafür, die Zukunft zu gestalten – zumindest soweit, wie man bestimmte Faktoren beeinflussen kann. Unsere Annahmen über die Zukunft können Kommunikationsprozesse anstoßen. Sie können zum Beispiel als Warnsignal fungieren, das zu Verhaltensänderungen führt.

Gibt es bestimmte Branchen, für die Zukunftsforschung besonders wichtig ist?

Cuhls: Wir alle brauchen Orientierungswissen, um strategisch planen zu können – in der Forschung genauso wie in der Politik und in der Wirtschaft.

Besonders gefragt ist die Zukunftsforschung überall dort, wo große Summen langfristig investiert werden, zum Beispiel in die Infrastruktur. Betrachten Sie etwa den Energiesektor. Bevor Sie ein Kraftwerk bauen, müssen Sie schon gut überlegen, was das in Zukunft bringt. Hier rechnet man manchmal bis zu 30, 50 oder 80 Jahre hoch und noch länger.

 

Alternative Zukunfts-Szenarien für die IT- und Medienwelt im Jahr 2020
Welche Art von Zukunftsforschung empfehlen sie Mittelständlern, die kein großes Budget für eigene Studien haben?

Cuhls: Zunächst einmal können sie übergreifende, frei zugängliche Studien nutzen, um sich einen Überblick zu verschaffen, um ihr Unternehmen und ihre Produkte einzuordnen. Die drei Delphi-Studien und die Szenario-Analyse, die in der FAZIT-Schriftenreihe erschienen sind, eröffnen zum Beispiel höchst interessante Ausblicke auf die IT- und Kommunikationswelt von Morgen.

Anschließend können sie dann kleine Szenarien für sich selbst entwerfen. Das lässt sich im Rahmen eines zweitägigen Workshops leicht realisieren, an dem nicht mehr als zehn Mitarbeiter aus den relevanten Abteilungen teilnehmen. Verschiedene Kreativitätstechniken, ein kompetenter Moderator oder auch Szenarien-Software können dabei helfen. Ein solcher Workshop ist gegebenenfalls auch mit einem Budget von etwa 10.000 Euro realisierbar.

Das Fraunhofer ISI verantwortet den Foresight-Prozess im Forschungsprojekt FAZIT. Sie haben eben schon die Zukunftsstudien erwähnt, die Sie in Zusammenarbeit mit der MFG Baden-Württemberg veröffentlicht haben. Können Sie beispielhaft einige Ergebnisse nennen?

Cuhls: Ziel der Studien war es vor allem, Forschungs- und Entwicklungsfelder für Informations- und Medientechnologien zu identifizieren, die für das Innovationspotenzial Baden-Württembergs entscheidend sind. Die dritte Delphi-Studie ergab zum Beispiel, dass im Jahr 2015 die meiste Software für Embedded Systems geschrieben wird, also für spezifische Komponenten, die in Alltagsgegenstände integriert sind, und dass im Jahr 2016 die alltägliche Bedeutung von Open Source Software diejenige von kommerzieller Software übersteigen könnte.

Ein überraschendes Ergebnis der zweiten Delphi-Studie ist, dass Erfordernisse und Wünsche im Gesundheitsbereich an manchen Stellen stark auseinander klaffen. Es gibt Technologien, von denen die Mehrzahl der Befragten glaubt, dass sie sich schnell durchsetzen werden, obwohl sie gleichzeitig von der Mehrheit nicht gewünscht sind. Das ist etwa bei Pflegerobotern der Fall.

Was empfehlen Sie als Zukunftsforscherin Unternehmen im Hinblick auf die aktuelle Finanzkrise?

Cuhls: Finanzbewegungen kann man überhaupt nicht vorhersehen, zumindest nicht langfristig, denn die Entscheidungen werden nicht nach rationalen Kriterien gefällt. Daher empfehle ich wirklich jedem, in alternativen Szenarien zu denken, um für den Notfall auch einen „Plan B“ in der Tasche zu haben.

Das Interview führte Silva Schleider

 




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FAZIT-Delphi-Studie „Wie kommunizieren wir im Jahr 2020?“

FAZIT-Delphi-Studie „Zukünftige Informationstechnologie für den Gesundheitsbereich“

FAZIT-Delphi-Studie „Zukünftige Informations- und Kommunikationstechniken“

Die IT- und Medienwelt in Baden-Württemberg im Jahr 2020 - Vier Basisszenarien
Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI), Competence Center Innovations- und Technologie-Management und Vorausschau
Foresight-Studien des Forschungsprojekts FAZIT
Forschungsprojekt FAZIT
Audio-Interview mit Dr. Bernd Beckert zu den FAZIT Szenarien „Die IT- und Medienwelt in Baden-Württemberg im Jahr 2020“
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