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Professor Rafael Capurro
02.01.2007

 

Im Zentrum von Karlsruhe. Dem morgendlichen Berufsverkehr und seiner Lärmkulisse entronnen, betreten wir mit dem privaten Büro von Professor Rafael Capurro eine Oase der Stille. Kein aufdringlicher Laut dringt in den dritten Stock des schmucken Altbaus, wo der Professor sich in seiner Privatwohnung ein kleines Refugium zum konzentrierten Arbeiten geschaffen hat. Bücherregale bis zur Decke, Stapel von Papieren auf dem Schreibtisch und neu erworbene Lektüre originalverpackt im Besuchersessel: Zweifelsohne die Wirkungsstätte eines Geisteswissenschaftlers. Dass in Capurro jedoch nicht nur die Leidenschaft für Philosophisches steckt, sondern in ihm auch das Herz eines Informatikers schlägt, hat ihn zum Spezialisten für ein außergewöhnliches Thema gemacht: die Informationsethik.

 

Professor Rafael Capurro.
Keine Frage: Rafael Capurro ist es gewöhnt, Laien mit seinem diffizilen Forschungsthema vertraut zu machen. Die dampfende Tasse mit grünem Tee in den Händen erzählt er in akzentfreiem Deutsch von seinem Werdegang, der ihn in jeder Beziehung zum Reisenden zwischen den Welten gemacht hat. In Montevideo, Uruguay, geboren, hat er sich zunächst in Chile dem Studium der Geisteswissenschaften gewidmet und seine Kenntnisse in Philosophie in Buenos Aires vertieft. Die Chance, nach Deutschland zu gehen und dort etwas ganz Neues zu lernen, ergriff er Anfang der 70er-Jahre: „Eine Ausbildung in Frankfurt am Main zum Dokumentar brachte mich zum ersten Mal in Berührung mit dem Thema Computer in der Wissenschaft“, erinnert sich Capurro. „Mein Wissen über bibliografische Datenbanken konnte ich dann am Kernforschungszentrum in Karlsruhe in die Praxis umsetzen, wo wir für die Zentralstelle für Atomkernenergie-Dokumentation die gesamte Literatur erfasst haben.“ Während dieser Zeit pflegt er den wissenschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und Argentinien und knüpft auch in der deutschen Forschungslandschaft wertvolle Kontakte.

 

Seine Auseinandersetzung mit dem Informationsbegriff und der Frage nach sinnvoller bzw. gerechter Verbreitung ständig wachsender Informationsfluten bringt ihn zum Thema Informationsethik: „Spätestens jetzt saß ich zwischen den beiden Stühlen Technik und Philosophie“, sagt Capurro lächelnd. „Die beiden stehen sich naturgemäß feindlich gegenüber, man riskiert ständig, missverstanden zu werden, und macht sich sofort unglaubwürdig, wenn man Argumente der einen auf der anderen Seite vertritt.“ Doch Capurro bleibt dran, weil er spürt, dass das Internet und die interaktiven Medien gesellschaftliche Folgen haben werden, die weit über das hinausgehen, was wir an Auswirkungen durch die Massenmedien erfahren haben. Als Referent des Geschäftsführers des Fachinformationszentrums in Karlsruhe (FIZ) sind Informations- und Wissensmanagement sein tägliches Geschäft. „Hier habe ich viel gelernt über den Stellenwert von Information und was es heißt, wenn diese nicht für alle verfügbar sind“, erinnert sich Capurro.

 

Seiner Wahlheimat Karlsruhe bleibt er auch dann treu, als er an den Lehrstuhl für Informationsethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart berufen wird. Die Lehre macht ihm bis heute großen Spaß: „Mit jungen interessierten Leuten zu arbeiten empfinde ich als echte Bereicherung“, sagt Capurro. „Dass sie außerdem einer Generation angehören, die im Internetzeitalter aufgewachsen ist, macht die Auseinandersetzung besonders spannend.“ Parallel habilitiert er sich an der Universität Stuttgart und wird dort am Institut für Philosophie Privatdozent.

 

Seine Arbeit findet internationale Beachtung und bringt ihm 2001 schließlich die Berufung in den Ethikrat für Science und New Technology ein. „Der Anruf aus Brüssel kam völlig überraschend“, erzählt Capurro, „und ich war sehr gespannt auf das, was da auf mich zukommen sollte. Allein das Zusammentreffen mit Experten anderer Fachrichtungen zu ganz unterschiedlichen Zukunftsfragen hat mich sehr gereizt.“ Im Ethikrat, der die europäische Kommission zu ethischen Fragen im Hinblick auf Wissenschaft und neue Technologien berät, muss sich Capurro immer wieder in neue Themengebiete einarbeiten. Gentechnische Fragen stehen ebenso auf dem Programm wie Biotechnologie oder die Suche nach dem geeigneten Umgang mit Nanotechnologien. „Hier geht es vor allem um den sozialethischen Aspekt, die Herausforderung, die Folgen einer neuen Technologie zum Beispiel abzuschätzen und zu schauen, wo ihre Grenze sein muss“, erläutert er und ist jetzt ganz in seinem Element. „Wenn die Ethik gefragt ist, dann heißt das ja immer, dass mit der Gesellschaft und ihrer moralischen Verfassung etwas nicht stimmt. Wenn wir es also schaffen, eine gesellschaftliche Diskussion anzuregen oder zu begleiten, dann haben wir bereits eine Menge erreicht.“  

 

Wer jetzt glaubt, der charmante Professor habe damit alle seine Energie bereits verbraucht, der täuscht sich. Nebenbei ist er gefragter Teilnehmer an internationalen Kongressen, ist Herausgeber der International Review of Information Ethics und Gründer des International Center for Information Ethics (ICIE), das zwischenzeitlich rund 200 Mitglieder zählt. 2004 hat das ICIE am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe ein Symposium veranstaltet. „Wir haben uns mit den interkulturellen Unterschieden im ethischen Umgang mit dem Internet beschäftigt“, fasst Capurro zusammen und gibt damit gleich einen Ausblick auf das, was ihn momentan besonders interessiert: Die Eigenheiten, die die Informationsmoral zum Beispiel eines Chinesen von der eines Europäers unterscheidet. Ganz in seinem Sinne ist deswegen auch das kommende Symposium, das, ebenfalls vom ICIE mit veranstaltet, im Januar 2007 an der University of Pretoria in Südafrika stattfinden wird und sich mit den kulturellen und ethischen Auswirkungen der neuen Informationstechnologien in Afrika befasst. „Darauf freue ich mich sehr“, ergänzt Capurro schmunzelnd, denn ein bisschen Heimweh nach wärmeren Gefilden kommt schon hin und wieder auf. Deswegen nutzt er auch jede freie Zeit, um „nach Hause“ zu fliegen. Dass er diese bei allem Engagement noch findet – man möchte es ihm wünschen.

 




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