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Mit dem Avatar zum Bibelkreis: Kirche erprobt Möglichkeiten virtueller Welten 17.12.2008
Seit neuestem ist auch die katholische Kirche offiziell in Second Life vertreten. In einem Modellprojekt testet die Erzdiözese Freiburg, welche Möglichkeiten 3D-Welten als pastorales Medium bieten. Damit reagiert sie auf zunehmende gesellschaftliche Veränderungen. In Kirchenkreisen wird das Experiment neugierig beäugt.
| Das romanische Gotteshaus St. Georg auf der Insel Reichenau stand Pate |
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Der Mikrokosmos Second Life bietet nicht nur Geschäftstüchtigen, Nachtschwärmern, Shoppingsüchtigen oder Kulturbeflissenen das passende Angebot. Auch glaubenssuchende Avatare können sich einer Vielzahl von Religionsgemeinschaften anschließen. Seit dem 1. November 2008 ist die Erzdiözese Freiburg mit einem Seelsorgeauftritt in Second Life vertreten. Die Besonderheit: Es handelt sich hierbei um das erste offizielle Angebot der katholischen Kirche in der virtuellen Welt. „Es gab ja einen riesigen Hype um Second Life“, erklärt der Initiator des Projekts Dr. Norbert Kebekus. „Dieser ist Mitte 2007 abgeflacht. Seit Ende 2007 ist Second Life in den Medien sogar tot gesagt worden.“ Nichtsdestotrotz sei davon auszugehen, dass es zukünftig selbstverständlich sein wird, sich in virtuellen Welten zu bewegen. So prognostizieren Analysten des Marktforschungsinstituts Forrester Research, dass das 3D-Internet in fünf Jahren eine ähnliche Bedeutung haben könnte wie das Web heute.
Neue technische Entwicklungen nicht ignorieren
Deshalb wolle man ausloten, welches Potenzial in 3D-Welten für kirchliches Engagement steckt, so Projektleiter Kebekus. „Wenn wir neue Wege gehen wollen, dann kann man nicht neue technische Entwicklungen von vornherein ablehnen. Wir möchten auch nicht unkritisch auf jeden Trend aufspringen. Aber wir leben längst in einer Mediengesellschaft. Das können wir als Kirche nicht ignorieren.“ In erster Linie geht es den Freiburgern darum, Erfahrungen zu sammeln. Dabei hat die virtuelle Kirche der Internet-Stadt funcity.de Pate gestanden. Das Bistum Hildesheim bietet hier seinen Schäfchen schon seit über zehn Jahren Hilfe und geistliche Angebote per Mausklick. „Wir sind eine Art funcity-Kirche 2.0“, so Kebekus. |
| Beim Mittwochsforum geht es um Glaubens- und Lebensfragen |
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UNESCO-Welterbe St. Georg als architektonisches Vorbild
Auf ihrer Parzelle in der 3D-Welt haben die Freiburger eine virtuelle Kirche gebaut. Das Gotteshaus ist dem über 1100 Jahre alten St. Georg auf der Bodenseeinsel Reichenau verblüffend maßstabsgetreu nachempfunden. Die ursprünglich zu Ehren des Drachentöters Georg gebaute Kirche soll Tradition und Moderne verbinden. Das Reglement ist in der virtuellen wie in der realen Welt strikt: Anstößiges Verhalten oder das Tragen von virtuellen Waffen verboten, heißt es auf einem Schild am Eingang von St. Georg. Auch die Simulation von Sakramenten ist hier nicht erlaubt. Die Parzelle der Freiburger wird für Wortgottesdienste, Bibelkreise, thematische Gesprächsabende und Bildungsveranstaltungen genutzt. Rund 15 Besucher pro Veranstaltung zählen die Verantwortlichen. Die Zahl entspricht in etwa der Besucherzahl vergleichbarer Veranstaltungen im realen Leben. Kebekus, der im Netz als Benedetto Burger präsent ist, betreut mit einem Team von vier ehrenamtlichen Helfern die aufkeimende Gemeinde. „Mittlerweile besuchen uns Menschen regelmäßig. Es bildet sich schon eine kleine Community heraus“, beobachtet Kebekus.
Spannend bleibt, wer hinter den virtuellen Besuchern steckt und welches Bedürfnis sie antreibt. Eine Frage, die nicht nur die Freiburger mit ihrem Modellversuch klären wollen. So setzten sich beispielsweise auch Religionswissenschaftler der Universität Heidelberg mit religiösen Phänomenen in der „zweiten Welt“ auseinander. Die Bandbreite der angesprochenen Personengruppen ist relativ breit – von Glaubenssuchern und Gläubigen, Neugierigen und Ruhebedürftigen ist alles dabei. Man erreiche Menschen, die durchaus kirchlich engagiert sind, aber sich aus irgendeinem Grund nicht in ihrer Kirche vor Ort engagieren können, beobachtet Kebekus. „Wir erreichen aber auch Menschen, die mit Kirche nicht viel am Hut haben, sich aber für Spiritualität und Glauben interessieren.“ |
| Großer Andrang bei der Eröffnung. Bild: Erzdiözese Freiburg |
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Den Kritikern zum Trotz
Der Kirchenmann Kebekus ist seit 1998 für das Internetseelsorge-Angebot der Erzdiözese Freiburg zuständig: „Am Anfang war die Verwunderung und die Skepsis relativ groß. Da stand die Frage im Raum, ob man im Internet überhaupt Seelsorge betreiben kann.“ Heute – zehn Jahre später – stünde man mit der Pionierarbeit in Second Life vor einer ähnlichen Situation. Das Experiment der Freiburger polarisiert: So gibt es kontroverse Diskussionen in Begleitforen – das Meinungsspektrum reicht von kirchenfeindlichen Äußerungen bis hin zu Zustimmung. Die befürchteten Störungen von Kirchengegnern und so genannten Griefern bzw. Störern sind bislang ausgeblieben.
Mit ihrem Modellprojekt hat die Erzdiözese jedenfalls in der Netzgemeinde wie in den Medien für Aufmerksamkeit gesorgt. Allein 540 Avatare besuchten die Freiburger Second-Life-Parzelle zum Projektstart am 1. November. Auch in Kirchenkreisen wird das Experiment mit Interesse aufgenommen. Noch dominiert eine abwartend-beobachtende Haltung: „Ich hoffe, dass wir auf Dauer nicht die Einzigen bleiben werden“, sagt Kebekus. Kooperationen mit externen Partnern, etwa der MFG Baden-Württemberg, dem Roncalli-Forum Karlsruhe oder der Katholischen Akademie Freiburg sind im Gespräch. Das Projekt hat eine Laufzeit bis Ende 2010. Anfang 2011 soll es ausgewertet werden. Dann wird sich zeigen, ob Kirche auch in virtuellen Welten eine Zukunft hat.
Autorin: Nicole Siller |
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